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Gegen das Vergessen: Hinsehen!

Der Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus

NS-Plakat: "Hier trägst Du mit: Ein Erbkranker kostet bis zur Erreichung des 60. Lebensjahres im Durchschnitt 50.000 RM", Bildquelle: gemeinfrei

Es gibt Bilder, die sind so schrecklich, dass es kaum zu ertragen ist, sie anzusehen. Die Bilder aus dem dritten Reich gehören definitiv dazu. Die Gräueltaten des Nazi-Regimes zählen zu den schrecklichsten Verbrechen in der Geschichte der Menschheit. Auf breiter Front wird zum Gedenktag der Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar jedes Jahr das Thema wieder in das nationale Bewusstsein geholt.

Mittlerweile ist es über 70 Jahre her. Die zweite und dritte Nachkriegsgeneration ist ins Erwachsenenalter gekommen. So manch einer fragt sich: Tragen wir heute noch eine kollektive Schuld? Kein Zweifel, wir sind betroffen, wenn wir die Bilder sehen. Wir können uns nicht erklären, wie fast das gesamte deutsche Volk damals die Grausamkeiten zugelassen oder weggesehen hat. Aber was sollen wir antworten, wenn wir im Ausland darauf angesprochen werden? Wie können wir unseren Kindern erklären, warum es damals passiert ist?

Das Gedenken, das ist der Punkt. Das ist unser Auftrag. Nicht das Tragen einer Schuld, sondern das kollektive Erinnern. Als Nation können gerade wir uns immer wieder bewusst machen, dass es gefährlich sein kann, nicht zu widersprechen. Und vor allem diese Erkenntnis an andere weiterzugeben. An andere Völker, die nächste Generation. Auch mal Nein sagen, Dinge hinterfragen, selbst denken. Freiheit, Gleichheit, Zusammenhalt und menschliche Würde sind keine Schlagworte sondern müssen gelebtes Recht sein. 

Bald wird es keine Zeitzeugen mehr geben. Wie retten wir dann das emotionale Erinnern? Jetzt ist die Zeit zu sammeln. Wir müssen Wege finden, durch die sich das Thema in Zukunft immer wieder seinen Weg in den Vordergrund bahnen kann. Durch persönliche Eindrücke, digitale Medien, Filme, interaktive Museen und Archive. Nutzen wir die Gelegenheit die Zeitzeugen nach ihren Eindrücken zu fragen. Halten wir ihre Erinnerungen lebendig. Indem wir Erzählungen aufzeichnen. Uns über das Geschehen auszutauschen, diskutieren. Und uns immer wieder Fragen stellen: Wie konnte es passieren? Auch wenn es vielleicht letztlich keine Antwort geben wird. Und die noch viel wichtigere Frage: Wie können wir verhindern, dass so etwas erneut passiert?

Mehr zum Thema der Schwerpunkt in der ARD

 

Epilog. Es sind die kleinen Geschichten, die uns Mut machen können. Einer der wenigen, die sich öffentlich gegen das Nazi-Regime stellten, war Pastor Karl Preising. Gegen die Übernahme des Bathildisheims von der NSDAP gab es großen Widerstand in der Bevölkerung in der Gegend. Dennoch wurden aus dem Haus Waldfrieden in Neu-Berich (heute Heilpädagogisches Wohnen) fünf Jüdinnen in die Landesheil- und Pflegeanstalt Gießen überstellt und später ermordet. Als 1941 jedoch alle Menschen mit Behinderungen deportiert werden sollten, um Platz für ein Lazarett zu schaffen (so die offizielle Begründung), gelingt es Pastor Preising, sämtliche Pfleglinge ebenso wie die Werkstatt in privaten Haushalten unterzubringen. So konnten alle behinderten Menschen im Bathildisheim gerettet werden. 

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